Das Schicksal der Unerwünschten

Es wird immer heißer und ich kann nicht weg. Meine Geschwister werden immer schwächer, regen sich kaum. Mutter ist nicht da. Mein Rufen wird leiser, es kommt keine Antwort. Ich kann nicht mehr. Es ist so warm. Ich habe furchtbar Durst. Hört mich denn niemand?
Ein schmaler Streifen Licht fällt von oben herein, doch er ist sengend heiß. Ich krieche weiter in die Ecke, weg vom Licht. Da liegt mein Bruder. Ich stupse ihn sachte an, suche Trost. Doch er rührt sich nicht. Vielleicht schläft er.
Ich kann nicht schlafen. Ich habe solche Angst, rufe nach Mutter. Leise, fiepend, mein Stimmchen kommt nur noch heiser aus meiner Kehle. Sie ist ganz rau und ausgetrocknet von der Hitze und dem vielen Rufen. Die anderen sind so ruhig. Uns haben die Kräfte verlassen.

Warum?

Ich sehne mich nach Mamas weichem Fell. Sie riecht so gut und ich fühle mich geborgen bei ihr. Dort kann mir nichts passieren.

Warum?

Wir waren so glücklich. Wir haben im Garten getobt und nach Insekten gehascht. Wir sind durchs Gebüsch getollt und haben uns voreinander versteckt.

Warum?

Die Menschen haben uns gefüttert. Sie waren so nett. Die kleinen Menschen haben oft mit uns gespielt.

Warum?

Wo ist Mutter?
Mama! Ich brauche dich, habe solche Angst.

Warum?

Warum hat der große Mensch uns hier rein getan? Danach war es dunkel, laut und rumpelte viel. Wir waren zu Tode erschrocken, haben gejault und gezittert. Dann gab es einen Ruck und Licht fiel von oben herein. Seitdem ist es ruhig. Niemand kommt. Mutter ist nicht da.

Warum?

Ich schließe die Augen, bin so unendlich müde. Mutter sehe ich im Traum vor mir. Sie schnurrt beruhigend und putzt mir das Köpfchen. Ich seufze glücklich.

Warum…

Plötzlich bewegt sich der Karton und es flutet Licht von oben herein. Ich öffne mit großer Anstrengung die Augen. Ein Mensch guckt von oben auf uns hinunter.
Er spricht mit sanfter, freundlicher Stimme. Ich verstehe ihn nicht, aber ich fühle mich besser. Endlich sind wir nicht mehr allein…

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